Spielzeitpause

Liebes, hochverehrtes Publikum!

 

Seit vielen Jahren leben wir nun von Krise zu Krise. Da war (kurz nach „Weltwirtschaftskrise“ und hier in Niederbayern „Hochwasserkrise“) die sogenannte „Flüchtlingskrise“, dann freuten wir uns über eine „Dieselkrise“ (weil immer, wenn jemand „Diesel“ sagte, er nicht gleichzeitig „Flüchtling“ sagen konnte), anschließend kam die „Corona-Krise“, nahtlos abgelöst von der „Ukraine-Krise“. In einer neuen Medienwelt begleiten uns Schreckensmeldungen und Horrorszenarien rund um die Uhr, viele von uns bereits beim morgendlichen Ausschalten ihres als Wecker eingesetzten Handys. Durch die Pausenlosigkeit der Nachrichten leben wir in andauernder Anspannung, Angst, Entsetzen, Sorge und Wut, selbst wenn nicht alle von uns von all diesen Dingen immer unmittelbar betroffen sind.

 

Vor diesem Hintergrund hat unser Selbstverständnis von Theater einen früher nicht so präsenten Aspekt hinzugewonnen. Schon immer wollten wir durch unsere Arbeit im Rahmen unserer Möglichkeiten die Welt ein wenig verbessern. Galt es uns aber vor nicht allzu langer Zeit noch als Erfüllung dieser Aufgabe, wenn wir durch Diskussion (und sogar auch Widerstand) in Teilen des Publikums den Eindruck gewinnen konnten, einen Nerv getroffen und in einer augenscheinlich übersaturierten Gesellschaft Emotions- und Denkprozesse ausgelöst zu haben, so treten heute andere Seiten in den Vordergrund. Allein, die Zuschauer für einige Stunden herzlich einzuladen, ihr Handy abzuschalten und schon dadurch für den Augenblick nicht an die Schrecken der Welt zu denken, erscheint als großer Gewinn. Was wir früher als „Eskapismus“ scharf verurteilten – fast schon böswilliges Verschließen der Augen vor einer grausamen Wirklichkeit – erscheint uns heute als blanke Notwendigkeit. Der Mensch kann nicht rund um die Uhr in dauernder Anspannung zubringen, er braucht Auszeiten, Phasen, in denen er einmal wieder zu sich kommen und als eigentlich glückliches Wesen wahrnehmen darf. Theatrale Formen des „Eskapismus“ wirken plötzlich wie ein notwendiges Ventil. Momentan haben wir weniger bei erregten Diskussionsveranstaltungen als bei Lachsalven, Mitklatschen, Mitsingen und glücklichem Jubel unserer Zuschauer das Gefühl, mit unseren Mitteln etwas zur Verbesserung unserer Welt beizutragen.

 

In diesem Sinne: lachen Sie mit uns in der neuen Spielzeit, klatschen Sie mit uns, singen Sie mit uns und lassen Sie sich für ein paar Stunden entführen! Wir laden Sie herzlich ein zu den Klassikerkomödien Boeing Boeing, Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt) und bei den Burgenfestspielen zu des echten Shakespeares Wie es euch gefällt, zur weltbekannten Operette Im weißen Rössl, zur Christmas Panto Dick Whittington und zu den federleichten Musikabenden AzzurroDue, Coleman’s Twelve und Me and My Girl sowie zu dem wundervollen Kinderstück Michel in der Suppenschüssel. Es wird Ihnen gut tun!

 

Allein, erschöpft ist unsere Aufgabe damit natürlich nicht. Selbstverständlich entspricht es nach wie vor unserer Kernkompetenz, uns wesentlichen zeitbestimmenden Themen auf künstlerisch unabhängige und menschliche Art und Weise zu nähern, Sie dabei mitzunehmen und gegebenenfalls zu veränderten Sichtweisen einzuladen. So unterschiedlich sie musikalisch klingen, sowohl Verdis Forza del Destino als auch Händels Rinaldo sind Kriegsopern. Brechts Leben des Galilei wurde als Lehrstück über die offenbar niemals gegebene Unabhängigkeit der Wissenschaft von anderen, dogmatisch verklärten Einflüssen aktuell zum Stück der Stunde, Juli Zehs Drama Corpus Delicti setzt sich mit dem Leben in einer Gesundheitsdiktatur auseinander. Puccinis Le Villi und Mascagnis Cavalleria Rusticana bei den Burgenfestspielen sind Literaturopern über die Eifersucht als große menschliche Uremotion. Mit Siegfried und der Götterdämmerung wollen wir unseren Ring des Nibelungen abschließen und wie schon damals Wagner nichts weniger, als damit die ganze Welt erklären…

 

Verpassen Sie auch nicht unsere Studio-Produktion Der Untergang des Hauses Usher und unseren Spielfilm Die Ehe des Herrn Bolwieser nach dem Roman von Oskar Maria Graf. Ein deutsches Leben ist ein als Lesung präsentiertes Schauspiel, das ein „relativ normales“ Leben während des sogenannten Dritten Reichs beschreibt. Darüber hinaus gibt es natürlich auch wieder Konzerte und unsere Kammermusikreihe wird neu aufgelegt.

 

Wir sehen uns im Theater, wir freuen uns auf Sie!

Stefan Tilch, Intendant

Basil H. E. Coleman, Generalmusikdirektor

 

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